GERT56: Zeit für Realismus, Mitmenschlichkeit und Solidarität

GERT56: Zeit für Realismus, Mitmenschlichkeit und Solidarität

Die Absage der German Speedweek in der Motorsport Arena Oschersleben – geplant vom 01. bis 07. Juni 2020 – trifft das German Endurance Racing Team 56 („G.E.R.T.56“) als Lokalmatadoren besonders hart: Vor Freunden, Fans, Familien und Partnern war der Plan, in der FIM Endurance World Championship in der Stocksport-Gesamtwertung verlorenen Boden auf die Konkurrenz gut zu machen.

Wir sagen aber auch in Zeiten, wo die Lebensrisiken und Existenzängste durch die Corona-Krise selten größer waren: Die Entscheidung ist richtig und wir stehen hier voll hinter FIM, Eurosport Events und vor allem hinter der Motorsport Arena Oschersleben. Das Team rund um Ottmar Bange und Ralf Bohnhorst, mit Ihren vielen fleißigen Helfern, hat sich die Entscheidung sicher nicht leicht gemacht.

Doch Sie haben eine Verantwortung für Aktive, Zuschauer und Helfer. Niemand vermag die Situation in zwei Monaten abzuschätzen. Es sind nicht die Zeiten durch unseren, zugegeben nicht risikolosen, Sport und große Zuschauermassen medizinische Kapazitäten zusätzlich durch Streckensicherung, notärztliche Erstversorgung, bis hin zu Hubschrauber- und Intensivkapazitäten zu binden.

Daher gilt es, solidarisch zu sein. Ein absolutes Credo von GERT56 ist die Fairness und so sorgen wir uns auch um unsere Freunde und Wettbewerber in den anderen Teams. Wir stehen gerade mit unseren Freunden von YART Yamaha und Team Bolliger Switzerland in engem Kontakt, wir bangen mit unseren Freunden in Spanien, Frankreich und Italien. Wir sehen aber ganz klar, dass die Reisebeschränkungen zum Renntermin Anfang Juni nicht einheitlich aufgehoben sein werden. Somit ist nicht gewährleistet, dass alle Teams an den Rennen teilnehmen. Damit würde der Wettbewerb verzerrt und deshalb sagen wir ganz klar:

„Lasst uns Rennen fahren, wenn alle Teams ohne Beschränkungen zu den Rennen reisen können, jeder Zuschauer sich frei bewegen und unseren Sport genießen kann und das Event keine Ressourcen im medizinischen Bereich bindet, welche derzeit zur Krisenbewältigung notwendig sind.“

Nach dem Statement der FIM und von Eurosport Events wird der Tag der Rückkehr ins Renngeschehen für die EWC-Teams der 19. Juli 2020 in Suzuka sein – was aber sicher noch abzuwarten bleibt. Die Verlegung der 24 Stunden von Le Mans auf den 29./30. August ist bereits länger bekannt gewesen, ebenso stand der Termin für die Bol d’Or am 19./20. September als Start in die Saison 2020/2021. Doch der Klassiker von Le Castellet im September soll nun das Finale der aktuellen Saison 2019/2020 werden.

Dies bedeutet, dass das Pensum von Bol d‘Or 2019, 8 Stunden Malaysia 2019, 24 Stunden Le Mans 2020 und Bol d’Or 2020 insgesamt drei 24-Stunden-Rennen und ein Übersee-Rennen gestemmt werden muss. „Gestemmt“ bedeutet im Falle eines reinrassigen Privat-Teams wie GERT56 dabei im wahrsten Sinne des Wortes in der Budgetierung. Eurosport Events bietet dafür eine Unterstützung von 1.500 Euro an, doch dies ist natürlich nur ein Tropfen auf den hießen Stein.

Das wichtigste jedoch sind die Menschen, auf die sich ein Privat-Team wie GERT56 stützt. Für alle stehen nach der doppelten Verlegung von Le Mans nun die nächsten Urlaubsstornierungen bei Ihren Arbeitgebern ins Haus, die schwierige rechtliche Lage dabei ist bekannt. Dabei auch alle emotional und ohne Direktkontakt bei der Stange zu halten und zu motivieren braucht Kraft, Leidenschaft und Überzeugung.

Weiterhin sind unsere Partner zu nennen, die in wirtschaftlich erfolgreichen Zeiten Ihren unternehmerischen Erfolg mit GERT56 geteilt haben – und die nun selbst um ihre Existenz kämpfen. Für uns eine Sache der Ehre: Auch beim Ausfall von Leistungen werden in der Saison 2021 alle die, die es möchten, am Bike von GERT56 kleben.

Derzeit belegt GERT56 im FIM Endurance World Cup der Superstock-Kategorie den dritten Gesamtrang mit 37 Punkten Rückstand auf die amtierenden Champions von Moto Ain aus Frankreich. Diese hatten den Titel 2018/2019 beim GERT-Heimrennen in Oschersleben Punktgleich mit dem Team aus Pirna errungen. Die verbleibenden Rennen der aktuellen Saison bedeuten eine verbleibende Maximalpunktausbeute von 130 Zählern. Sollte sich der Corona-Virus nicht als Spielverderber erweisen, wird GERT56 mit aller Entschlossenheit versuchen, so viele als möglich dieser 130 Punkte auf das eigene Konto zu verbuchen.

Nach dem Verbot von Großveranstaltungen bis zum 31. August in Deutschland steht nun auch der absolute Höhepunkt in der bisherigen GERT56 Geschichte vor dem Aus! Mit Lucy Glöckner war vom 31.07. bis zum 02.08. eine Wildcard-Teilnahme an der FIM Superbike Weltmeisterschaft in Oschersleben geplant. Dafür wurde im Winter eine hoch-performante BMW S 1000 RR K67 aufgebaut und bereits Anfang März in Spanien einem erfolgreichen Rollout unterzogen. Ebenso wurde ein Superstock-Motorrad als Basis für die EWC und IDM vorbereitet. Objektiv betrachtet wird es bis Ende August keine Motorsportveranstaltungen geben, weder national noch international.

Karsten Wolf, Team Manager:
„Eines ist ganz klar: Sollten auch nur kleinste Risiken oder Gefahren bis zu den Rennterminen für meine Mannschaft bestehen, oder es moralische oder ethische Bedenken meinerseits geben, werden wir nicht fahren. Ich habe hier auch Signale von anderen Teams, die Ihr Handeln ebenso an diesen Werten ausrichten werden. Eventuell ist es auch sinnvoll den internationalen, grenzüberschreitenden Rennsport für diese Saison zu den Akten zu legen und den Teams zeitnah reinen Wein einzuschenken. Das würde Klarheit in Richtung Budget- und Personalplanung bringen und die nicht genutzten Ressourcen könnten für eine neue Saison 2021 eingesetzt werden. Für uns steht ein Modellwechsel an, das bedeutet immer sich von den Beständen zu trennen und die neue Technik zu entwickeln und zu testen. Man wird schauen müssen, wie sich der Sport – und im Besonderen der Rennsport – nach dieser Krise entwickeln wird. Wie wir jetzt den Spagat zwischen den reduzierten Möglichkeiten bei der Finanzierung und dem erhöhten Kostenaufwand decken, sollen bleibt offen. Aber Rennsport machst du nur, wenn deine Leidenschaft größer ist, als dein Verstand. Vielleicht ist das alles aber auch ein guter Grund für einen besonnenen Neuanfang, vor allem im Bereich regionaler und nationaler Superbike-Meisterschaften: Ich würde mir ein einheitliches Stocksport-Reglement in allen nationalen Meisterschaften bis hin zur Weltmeisterschaft wünschen. Warum lassen wir dann nicht die besten drei aller nationalen Serien in der Rennarmen-Zeit im Winter auf drei, vier attraktiven Rennstrecken eine Art Masters ausfahren und suchen dort dann den ultimativen Champion? Das belebt zudem die nationale Szene in den Ländern, reduziert den Reiseaufwand und minimiert die Kosten für die Superbike-Weltmeisterschaft. Ehemalige Spitzenteams werden mit sinkenden Budgets und Ihren guten Fahrern nach Alternativen suchen. Vielleicht hat diese Krise ja die Kraft, alle Verbände und Promotoren an einen Tisch zu locken und über Jahre hinweg eingefahrene Strukturen zu brechen. Alles was zu Ende ist, kann auch Anfang sein!“

TBoerner

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